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Bahnlinie Palma – Inca – Sa Pobla

„Jetzt mußt du nie mehr Ketten vor den Bahnhof hängen“, sagte der Bürgermeister, und Madó Margalida lachte: 1981, nachdem der letzte Zug unwiderruflich aus dem Bahnhof von Sa Pobla gefahren war, sperrte die damalige Bahnbeamtin das Gebäude ab: Die 16 km lange Bahnstrecke zwischen Inca und Sa Pobla war damit Geschichte – aber nur bis zum Dreikönigstag des Jahres 2001, an dem die Honoratioren ihre Wiederauferstehung feierten.

 

Der heutige Verbund t.i.b. (Transport der Balearen) ist der jüngste „Nachfolger“ der 1872 gegründeten Sociedad del Ferro-Carrill de Mallorca, mit der die Eisenbahngeschichte der Insel begann. 1875, ein halbes Jahrhundert nach der Einweihung der ersten Eisenbahnlinie der Welt, standen auch auf Mallorca die Signale auf Grün. Zwei Jahre hatten die Bauarbeiten an einer Bahnlinie von Palma nach Inca gedauert, und eine Vielzahl wieder verworfener Streckenplanungen war ihr vorausgegangen. Die Nachfrage war von Beginn an groß: Im ersten Betriebsjahr beförderte die Gesellschaft schon 263.114 Personen. Daher wurde die Strecke bald verlängert: Am 24.Oktober 1878 eröffnete man den Bahnhof Sa Pobla.

 

Da wollte auch Alaró nicht länger abseits bleiben: 1881 gründete man dort eine eigene Bahngesellschaft und ging beherzt an den Bau einer exakt 3 km und 720 m langen Verbindungsstrecke mit 750 mm Spurweite. Doch die Schubkraft der dafür vorgesehenen Dampflokomotive soll für die 70 m Höhenunterschied bis zum Dorf zu gering gewesen sein. Man spannte also je zwei Maultiere vor die Wagen – die Talfahrt funktionierte dank der Schwerkraft von selbst, und die braven Tiere durften ausruhen. Die kurze Bahnreise muss jedenfalls ein Vergnügen gewesen sein: Waggon Nummer 1 entsprach seinem Typennamen „Imperial“ durchaus, denn sein Dach wurde als Freiliuft-Plattform genutzt – auf diese Weise fasste er 43 Passagiere. Später setzte man die Dieselloks „Sant Cabrit“ und „Sant Bassa“ ein, womit sich die Reisegeschwindigkeit auf immerhin 18 km/h erhöhte. 1935 stellte man den Ferrocarril de Alaró ein.

 

Vier Jahre davor hatte die Strecke bis Inca bereits einen zweiten Schienenstrang erhalten. Und 50 Jahre später erweiterte man die ursprüngliche Spurweite von einem englischen Yard (= 914 Millimeter) auf einen Meter, um gebrauchte Fahrzeuge vom spanischen Festland einsetzen zu können. Mitte der 1990er Jahre kamen schließlich zwölf moderne, klimatisierte Dieseltriebwagen zum Einsatz, die allerdings den Bau von 80 Zentimeter hohen Bahnsteigen notwendig machten. Die heutigen dieselelektrischen Triebwagen mit gleisbogenabhängiger Wagenkastensteuerung („Pendolino-Prinzip“) haben natürlich nichts mehr mit den Dampflokomotiven zu tun, die man einst aus England importierte. Auch die neu aufgeschüttete Schienentrasse signalisiert Modernität, dazu wurden fast alle niveaugleichen Straßen- und Feldwegübergänge durch Brücken ersetzt. Seit 2012 ist die Strecke zwischen Palma und Inca bzw. bis Enllac elekrifiziert.

 

Interessant ist der Vergleich zwischen Schiene und Strasse in den Nordosten der Insel: Die Bahnstrecke Palma – Inca misst 28,6 km, die paralell dazu verlaufende Autobahn/Schnellstraße ist um 1,4 km länger. In Sa Pobla zeigt der Tacho im Auto jedoch um 3,7 Kilometer weniger als jener der Lok, die ja einen weiteren Bogen drehen muss. Ab Palma benötigt der Zug etwa 55 Minuten – und der Stau ist kein Thema.

 

Nun könnte sogar die etwa 18 km lange, schon 1912 geplante, aber nie realisierte Schienenstrecke nach Alcúdia könnte nun Wirklichkeit werden. Die Station Sa Pobla soll ein Kopfbahnhof bleiben – die Züge werden im Krebsgang zurückrollen und den Ort östlich im weiten Bogen umrunden. Nach den Vorstellungen der Bauingeniere wird die Strecke am Nordrand des Naturparks S’Albufera zum Elektrizitätswerk und zwischen dem Puig de Sant Martí und der großen Lagune bis vor die Stadtmauer von Alcúdia führen. Vom Endbahnhof ist zudem eine Straßenbahnlinie bis Port d‘Alcúdia geplant – wenn nicht überhaupt die ganze Strecke als elektrische Trambahn realisiert wird. Zumindest in Port d‘Alcúdia besteht ja bereits eine gewisse Bahn-Tradition: Ein kurzer Ferrocarril industrial verband einst den Hafen mit dem Fabriksgelände von Alcanada.

 

Fahrplan

 

Foto

Das blaue Innere der Garnituren zwischen Palma und Sa Pobla